zu tragendes Kreuz

Ich habe letzten Sonntag, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, mal nicht das große Kreuz gemacht. Ich hatte mir diesmal vorgenommen, meine Entscheidung wirklich erst in der Wahlkabine zu treffen und irgendwie hat es mich genau da, in dieser komischen öffentlich-privaten Schnittstelle, dann gepackt. Der Effekt war eine interessante Mischung aus Schuldgefühl und Zufriedenheit, ähnlich vielleicht der Einlassung auf fragwürdiges Publikum bei schlechter Musik unter Einfluss von MDMA; wohlig aufgehoben in einem Nest, dessen potentiell mörderische Qualitäten durchaus bekannt sind.

Lohnend war der Schritt dann allerdings wegen der subjektiven Einsicht in den bandwagon effect. Die Betrachtung der Wahlauswertung war plötzlich spannend, Frustration ob der Entscheidung für die Verliererseite war spürbar. Nur aus dem Impuls der Frustvermeidung heraus einfach für die wahrscheinlichsten Gewinner zu stimmen setzt zweifelsohne neben Überzeugungslosigkeit auch Unwilligkeit zu eingehender Betrachtung oder gar Reflektion voraus, aber genau letzteres hat mich ja auch an die Urne geführt. Dummerweise bekomme ich jetzt die Frage, die ein Kioskbetreiber mehr an den Fernseher als an mich stellte, nicht mehr aus dem Kopf: Wer wählt eigentlich FDP?