Archiv für September 2009

zu tragendes Kreuz

Ich habe letzten Sonntag, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, mal nicht das große Kreuz gemacht. Ich hatte mir diesmal vorgenommen, meine Entscheidung wirklich erst in der Wahlkabine zu treffen und irgendwie hat es mich genau da, in dieser komischen öffentlich-privaten Schnittstelle, dann gepackt. Der Effekt war eine interessante Mischung aus Schuldgefühl und Zufriedenheit, ähnlich vielleicht der Einlassung auf fragwürdiges Publikum bei schlechter Musik unter Einfluss von MDMA; wohlig aufgehoben in einem Nest, dessen potentiell mörderische Qualitäten durchaus bekannt sind.

Lohnend war der Schritt dann allerdings wegen der subjektiven Einsicht in den bandwagon effect. Die Betrachtung der Wahlauswertung war plötzlich spannend, Frustration ob der Entscheidung für die Verliererseite war spürbar. Nur aus dem Impuls der Frustvermeidung heraus einfach für die wahrscheinlichsten Gewinner zu stimmen setzt zweifelsohne neben Überzeugungslosigkeit auch Unwilligkeit zu eingehender Betrachtung oder gar Reflektion voraus, aber genau letzteres hat mich ja auch an die Urne geführt. Dummerweise bekomme ich jetzt die Frage, die ein Kioskbetreiber mehr an den Fernseher als an mich stellte, nicht mehr aus dem Kopf: Wer wählt eigentlich FDP?

Cash-in

Es gehört wohl zu sogenannter Außenpolitik, dass sie sich in der Substanz nicht ändert, durchaus aber mal im Ton. Und so wird denn oftmals der Eindruck erweckt, Obama würde tatsächlich etwas anders machen als sein unbeliebter Vorgänger, was wohl ganz in seinem Sinne ist.

Wenn ein Projekt wie der Raketenschild abgebrochen wird, ist es ja auch nicht so, dass nichts passiert. Die Frage ist aber kaum, ob nun ein Großzügiger und netter oder ein hartherzig-verbohrter Präsident die Entscheidungen trifft sondern die, ob der Zweck der Veranstaltung erreicht ist oder nicht. Russlands unmittelbare Reaktion könnte ein Hinweis darauf sein, dass genau dies hier der Fall ist. Dass es nie darum ging, Europa vor Iranischen Raketen zu schützen, lag jedenfalls schon länger auf der Hand. Das Entstehen einer weiteren Atommacht zu verhindern dürfte im gemeinsamen Interesse Russlands wie der USA liegen, dass Russland dem bisher wenig nachgegangen ist scheint mir im wesentlichen einen Verhandlungschip darzustellen und mit dem Ausdehnen des Raketenschilds seitens der USA dürfte es sich ähnlich verhalten. Letztlich ist der Iran in diesem Zusammenhang so etwas wie ein Spielfeld, auf dem die Großmächte ihre Karten spielen; gleichwohl hat er sich selbst dazu gemacht, wohl auch in der Hoffnung auf daraus entstehenden Spielräumen. Und auch diese Rechnung ist aufgegangen in dem Sinne, dass sein Atomwaffenprogramm mittlerweile wohl abschließbar ist, worauf auch immer sich jetzt international noch geeinigt wird.

Somit bleibt der schwarze Peter bei Israel, und es macht nur zu viel Sinn, dass außer den Großmächten auch noch diverse Andere froh sind, die militärische Bereinigung dieses Problems mitsamt dem entsprechenden politischen Fallout beim Neighbourhood Bully belassen zu können, der seinerseits keine Wahl haben wird. Immerhin scheint die Auslieferung von ernsthafter Luftabwehr durch Russland mittlerweile unwahrscheinlich, aber wie viel politisches Kapital noch aus der Distanzierung von Israel und dem, was es wohl wird tun müssen, gezogen wird, bleibt abzuwarten.

Spiele des Lebens

Spiele mit hohem Frustfaktor sind meistens unbeliebt, aber nicht immer. Monopoly ist da wohl das prominenteste Beispiel – die Spielmechanik bevorzugt immer den höchsten Besitzstand, die anderen versuchen irgendwann nur noch, sich noch einmal zum Startfeld zu schleppen. Zumindest ein Faktor in der breiten Akzeptanz eines solchen Spieles dürfte Ähnlichkeit sein, die sich zwischen der Frustrationsquelle im Spiel und denen in der Wirklichkeit finden lässt.

Wahrscheinlich deswegen gefällt mir Canabalt. Die ständig zunehmende Geschwindigkeit mit der die die Spielfigur über die Dächer gelenkt werden muss, scheint mir weniger in dem halbherzig angedeuteten Fluchtcharakter des Spiels angelegt, mehr im Bedürfnis des sich identifizierenden Spielenden; der Mensch von heute muss nicht mehr gehetzt werden, weil er selbst am schnellsten sein will. Die Hindernisse in diesem Rat-Race werden zwar immer vorher erkannt, sind über kurz oder lang aber immer unüberwindbar, weil die zuvor selbst eingenommene Position zu ungünstig ist, freilich ohne dass sich für sie wirklich hätte entschieden werden können. Passt jedenfalls sehr viel besser ins 21. Jahrhundert als Monopoly, Immobilienkrise hin oder her.

Ansonsten hier noch ein Kleinod für Freunde von Fantasy, Flashgames oder genereller Zeitverschwendung.