Archiv für Oktober 2008

Nachtrag: Schaubild

Powerpoint-Poisoning ist allgegenwärtig, klüger ist dadurch auf der Welt wohl niemand geworden. Manchmahl, wenn Informationsreduktion notwendig ist, um überhaupt einen Zugang zum Gegenstand zu finden, kann die graphische Darstellung aber zweifelsohne hilfreich sein. In diesem Sinne sei ausnahmsweise auf eine entsprechende Serie bei Spiegel-online hingewiesen, die mir geholfen hat, mein gesammeltes Halbwissen zumindest halbwegs zu ordnen.

Zu Bild 4 wäre noch zu ergänzen, dass das „Herüberschwappen“ der Hypothekenkrise auf zwei Ebenen funktionierte: Zum einen natürlich die Beteiligung europäischer Banken an entsprechenden US-amerikanische Geschäften, zum anderen aber dass die europäischen Zentralbanken die Leitzinsen nicht erhöht haben, als die Fed dies tat. Das machte einen Weiterverkauf europäischer Zentralbankskredite an US-amerikanische Geldinstitute für europäische Geschäftsbanken lukrativ, die dann ihrerseits zu spät gemerkt haben, dass ihre Kunden vielleicht von Zahlungsunfähigkeit bedroht sind.

Bailout

In der derzeitigen Finanzkrise scheinen sich Konsequenzen anzukündigen, die weniger weniger vom Bank- und Finanzsystem selbst als vielmehr die ihnen nunmehr wieder offensichtlich übergeordneten Staaten ausgehen. Derzeit wirkt es zwar noch eher wie ein Übergriff des Feuilleton auf die Wirtschaftsnachrichten, wenn sogenannte Wirtschaftsweise sich für mehr staatliche Kontrolle aussprechen. Aber die Summen, die nunmehr in staatliche Stützkäufe fließen, verlangen nicht einfach nach mehr Kontrolle, sondern nach einer anderen Qualität derselben. Das derzeit noch umstrittene $ 700 Milliarden-Programm etwa dürfte schon allein aufgrund seines Umfanges einer Verstaatlichung in mancher Hinsicht gleichkommen. Die Zahlen in Europa erscheinen zwar weniger gewaltig, relativ zum jeweiligen Staatshaushalt schrumpft diese Differenz erheblich, vielleicht muss auch von der gleichen Größenordnung gesprochen werden.

Wärend dessen köchelt die Volksseele, wenn auch vorerst vor allem in den USA, was einige der Reaktionen erstmal sympathisch daherkommen lässt, wenngleich das Ressentiment des sich betrogen wähnenden Steuerzahlers auch hier hörbar durchklingt. Auch und gerade wenn Protest gegen solchen Socialism for the Rich keineswegs argumentfrei ist, umso mehr stellt er sich als die bloße Kehrseite der pragmatisch daherkommenden Befürworter des Bailout dar. Bezeichnenderweise lässt sich solche Opposition gleichermaßen aus einem marktliberalen wie einem vulgär-sozialistischen Standpunkt aus begründen: Die einen verweigern den Socialism, die anderen das Money for the Rich. Gleiches lässt, unter in gewisser Weise umgekehrten Voraussetzungen, für die Befürworter der entsprechenden Programme sich sagen. Marktliberale beugen sich dem Versagen der Finanzmaschinerie, Sozialisten, eher wohl Sozialdemokraten, wittern den Druck des Realen zur staatlichen Übernahme.

Das Verhältnis von Staat und Markt war sicher noch nie so Gegensätzlich, wie es ja manchmal auch heute noch dargestellt wird. Aber die Präsupposition einer Harmonie zwischen beiden Polen, wie sie den sogenannten rheinischen Kapitalismus prägt, fällt in ihrer Tendenz zum Verzicht auf den ideologischen Streit auch hinter die Ideologie zurück; wo zwischen Staat und Kapital nur noch ausbalanciert werden soll, ohne dass die Frage, was für die menschliche Gesellschaft den das richtige wäre noch notwendig falsche Antworten hervorruft, werden potentiell auch noch ganz andere Antworten auf die noch kommenden Krisen mit einem Schulterzucken hingenommen. Es ist wenig erstaunlich, dass die Situation in Deutschland ungleich geringere Wellen schlägt. Inwiefern die hiesige Betroffenheit durch die Krise, die anscheinend nur ursprünglich eine des amerikanischen Hypotheken-Marktes war, tatsächlich geringer ist, vermag ich nicht zu sagen. Dass aber die Bereitschaft, den Staat wieder ein weiteres Stück ausufern zu lassen ungleich größer ist als in den USA, kann als sicher gelten.

Der geschichtlichen Tendenz nach scheint Deutschland damit einen Vorteil auf seiner Seite zu haben. Der Druck, unter dem Staaten weltweit stehen, die Gesellschaft und die Individuen in ihr auch unter den Bedingungen ihrer relativen Verzichtbarkeit auf den Markt zu zu richten, ohne dabei die allgegenwärtige Konkurrenz mit eigenen Händen auszufechten, ist hierzulande offenbar leichter „verständlich zu machen“. Wenn das Zusammenrücken von Sozialisten/Sozialdemokraten und Liberalen anderswo noch merkwürdig erscheint, ist man hier längst weiter. Dabei ist noch das Handeln der Regierung, die ja tatsächlich keine wirkliche Wahl hat, das relativ geringere Übel. Besorgniserregend erscheint eher, dass Lafontaine und Konsorten die Möglichkeit haben, ihrerseits ideologischen Mehrwert aus der Situation zu ziehen, weil ideologischer Streit, in dem sich Verfechter der Konzepte von gestern noch ernsthaft für diese einsetzen und diesen so, als Ernsthaft geglaubten, noch zumindest soviel Recht zukommen ließen. Aber die Ausweglosigkeit, der sich Konzernmanager wie Hartz 4 Empfänger täglich gegenübersehen, hat auch die Politik fest im Griff, und auch nur der Gedanke an Widerstand gegen das Unvermeidbare erscheint so abwegig, dass er an Linkspartei und NPD outgesourct wird.