zu tragendes Kreuz

Ich habe letzten Sonntag, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, mal nicht das große Kreuz gemacht. Ich hatte mir diesmal vorgenommen, meine Entscheidung wirklich erst in der Wahlkabine zu treffen und irgendwie hat es mich genau da, in dieser komischen öffentlich-privaten Schnittstelle, dann gepackt. Der Effekt war eine interessante Mischung aus Schuldgefühl und Zufriedenheit, ähnlich vielleicht der Einlassung auf fragwürdiges Publikum bei schlechter Musik unter Einfluss von MDMA; wohlig aufgehoben in einem Nest, dessen potentiell mörderische Qualitäten durchaus bekannt sind.

Lohnend war der Schritt dann allerdings wegen der subjektiven Einsicht in den bandwagon effect. Die Betrachtung der Wahlauswertung war plötzlich spannend, Frustration ob der Entscheidung für die Verliererseite war spürbar. Nur aus dem Impuls der Frustvermeidung heraus einfach für die wahrscheinlichsten Gewinner zu stimmen setzt zweifelsohne neben Überzeugungslosigkeit auch Unwilligkeit zu eingehender Betrachtung oder gar Reflektion voraus, aber genau letzteres hat mich ja auch an die Urne geführt. Dummerweise bekomme ich jetzt die Frage, die ein Kioskbetreiber mehr an den Fernseher als an mich stellte, nicht mehr aus dem Kopf: Wer wählt eigentlich FDP?

Cash-in

Es gehört wohl zu sogenannter Außenpolitik, dass sie sich in der Substanz nicht ändert, durchaus aber mal im Ton. Und so wird denn oftmals der Eindruck erweckt, Obama würde tatsächlich etwas anders machen als sein unbeliebter Vorgänger, was wohl ganz in seinem Sinne ist.

Wenn ein Projekt wie der Raketenschild abgebrochen wird, ist es ja auch nicht so, dass nichts passiert. Die Frage ist aber kaum, ob nun ein Großzügiger und netter oder ein hartherzig-verbohrter Präsident die Entscheidungen trifft sondern die, ob der Zweck der Veranstaltung erreicht ist oder nicht. Russlands unmittelbare Reaktion könnte ein Hinweis darauf sein, dass genau dies hier der Fall ist. Dass es nie darum ging, Europa vor Iranischen Raketen zu schützen, lag jedenfalls schon länger auf der Hand. Das Entstehen einer weiteren Atommacht zu verhindern dürfte im gemeinsamen Interesse Russlands wie der USA liegen, dass Russland dem bisher wenig nachgegangen ist scheint mir im wesentlichen einen Verhandlungschip darzustellen und mit dem Ausdehnen des Raketenschilds seitens der USA dürfte es sich ähnlich verhalten. Letztlich ist der Iran in diesem Zusammenhang so etwas wie ein Spielfeld, auf dem die Großmächte ihre Karten spielen; gleichwohl hat er sich selbst dazu gemacht, wohl auch in der Hoffnung auf daraus entstehenden Spielräumen. Und auch diese Rechnung ist aufgegangen in dem Sinne, dass sein Atomwaffenprogramm mittlerweile wohl abschließbar ist, worauf auch immer sich jetzt international noch geeinigt wird.

Somit bleibt der schwarze Peter bei Israel, und es macht nur zu viel Sinn, dass außer den Großmächten auch noch diverse Andere froh sind, die militärische Bereinigung dieses Problems mitsamt dem entsprechenden politischen Fallout beim Neighbourhood Bully belassen zu können, der seinerseits keine Wahl haben wird. Immerhin scheint die Auslieferung von ernsthafter Luftabwehr durch Russland mittlerweile unwahrscheinlich, aber wie viel politisches Kapital noch aus der Distanzierung von Israel und dem, was es wohl wird tun müssen, gezogen wird, bleibt abzuwarten.

Spiele des Lebens

Spiele mit hohem Frustfaktor sind meistens unbeliebt, aber nicht immer. Monopoly ist da wohl das prominenteste Beispiel – die Spielmechanik bevorzugt immer den höchsten Besitzstand, die anderen versuchen irgendwann nur noch, sich noch einmal zum Startfeld zu schleppen. Zumindest ein Faktor in der breiten Akzeptanz eines solchen Spieles dürfte Ähnlichkeit sein, die sich zwischen der Frustrationsquelle im Spiel und denen in der Wirklichkeit finden lässt.

Wahrscheinlich deswegen gefällt mir Canabalt. Die ständig zunehmende Geschwindigkeit mit der die die Spielfigur über die Dächer gelenkt werden muss, scheint mir weniger in dem halbherzig angedeuteten Fluchtcharakter des Spiels angelegt, mehr im Bedürfnis des sich identifizierenden Spielenden; der Mensch von heute muss nicht mehr gehetzt werden, weil er selbst am schnellsten sein will. Die Hindernisse in diesem Rat-Race werden zwar immer vorher erkannt, sind über kurz oder lang aber immer unüberwindbar, weil die zuvor selbst eingenommene Position zu ungünstig ist, freilich ohne dass sich für sie wirklich hätte entschieden werden können. Passt jedenfalls sehr viel besser ins 21. Jahrhundert als Monopoly, Immobilienkrise hin oder her.

Ansonsten hier noch ein Kleinod für Freunde von Fantasy, Flashgames oder genereller Zeitverschwendung.

Vorerst

Diesen Blog unter anderem der Eitelkeit zu widmen folgte dem Gedanken, sich in Bezug auf das hier Geschriebenen auch retrospektiv noch in Selbstzufriedenheit wiegen zu können. Das fällt mittlerweile schwerer als ursprünglich angenommen.
Vor allem hat sich meine naive Vorstellung von solipsistischer Veröffentlichung im Netz schnell als realitätsfern herausgestellt – tatsächlich nicht wahrgenommen zu werden stellt insbesondere in der Service-gestützten Blogosphäre wahrscheinlich eine Unmöglichkeit dar. Nicht dass das unangenehm wäre, im Gegenteil, die merkwürdige digitale „Aufmerksamkeit“, die sich da in unmittelbar quantitativer Form als Hit präsentiert, geht mir genau so ein wie wohl auch sonst den Meisten.

Mich in diese Richtung gehen zu lassen würde wohl bedeuten, häufiger und am besten regelmäßig, eventuell kürzer kurz zu posten. Die Themen wären aktuell zu halten, der Schreibstill noch assoziativer. Das erscheint mir durchaus verlockend, aber auch ein wenig schal – es gibt so viele Blogs, die irgendwo zwischen politischem Kommentar, Tagebuch und lokaler Klatschspalte anzusiedeln sind, und nur die konsequenteren sind tatsächlich lesenswert.
Gleichzeitig kann ich nicht behaupten, dass mir die Inspiration für Kurzessays wie jene, auf die ich tatsächlich gerne zurückblicke, kontinuierlich verfügbar ist. Sie konsequent abzuwarten würde wohl auf tri-annuales Posting hinauslaufen, was mir mittlerweile schwer aufrecht zu erhalten scheint.

Unwissend, ob und wie ich diesbezüglich eine Entscheidung treffen werde, seien die anscheinend ja vorhandenen Interessierten hiermit vorsorglich vertröstet. Ich werde wahrscheinlich eine Weile brauchen, für was auch immer.

Die Bank ihres Mißtrauens

Die Finanzkrise entpuppt sich zusehends als ausgewachsene Wirtschaftskrise , und wenn auch noch keiner wirklich weiß, wie lange und wie schwer sie wird so fangen doch alle an, sich ernsthaftere Gedanken zu machen. In der großen Politik wird das schwere Geschütz, die Verstaatlichung, ausgepackt, die auf den Tisch gelegten Un-Summen können den angeschlagenen Banken wohl auch mit noch so vielen Einschränkungen und Bedingungen nicht zur eigenen Verfügung gestellt werden. In den Wirtschaftswissenschaften spricht sich herum, dass die quantitative Orakelei aus den Wirtschaftsinstituten und Ratingagenturen so viel genauer als gelegte Karten dann auch nicht ist. Wenn die Burda-Konferenz in München ein Indikator ist, wird jetzt also mit klassisch behaviouristischer Psychologie nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht, was immerhin konsequent erscheint. Immerhin ist das Phänomen ja allem Anschein nach mit der mathematischen Prognostizierung von Gewinnerwartung unmittelbar verwoben, und dass dieses Vorgehen seine Wirksamkeit weniger aus der Adäquatheit seiner Modelle schöpft als vielmehr aus der Wirkungsmasse seines Kapitals, in gewisser Weise also aus der Bereitschaft der Masse der Anleger, dem Erfolgsversprechen zu folgen, scheint mir evident.

Dass auch die Bahamas am Thema nicht nur nicht vorbeikommt, sondern darin auch eine gewisse epochale Bedeutung erkennt, spricht erstmal für sie. Nicht nur die Todesopfer der Krise werden sich freilich vornehmlich in der Statistik finden, und auch das weniger hierzulande als etwa in China. Die Verfehlung der Theorie, die ganz richtig konstatiert wird, lässt sich insbesondere als antideutsche durchaus noch weiter fassen.

Versäumt wurde, die Vergeblichkeit des linken Radikalismus, spezifisch die des „Antinationalismus“ kenntlich zu machen. Ein maßgeblicher Rest des „Standpunktes“ ab extra, der Vorstellung, außerhalb der Gesellschaft, insbesondere der deutschen Nation zu stehen, wurde in antideutscher Agitation schlechterdings bewahrt. Man wollte irgendwie doch die „radikalere“ Linke sein, die im Sinne der Theorie konsequentere wenigstens. Genau das sind die Antideutschen dann im wesentlichen auch geblieben: Fortsetzung der merkwürdigen Trennung von Kritik und Politik, die Deutschland seit spätestens 68´auszeichnet. Das liegt sicherlich zuvorderst an der Konstitution der bundesdeutschen Nation selbst, die es nach vernünftigen Maßstäben nicht geben dürfte. Dass man aber gerade mit dieser verrückten Konstellation der deutschen Nation im Einklang liegt, gerade in der bloßen Ablehnung Deutschlands, wäre, eingedenkend der jüngsten Geschichte der radikalen Linken in Deutschland, vielleicht reflektierbar gewesen.

Nichtsdestotrotz sind die Fragen, um die es sich am 28.02.09 handeln soll, wesentlich solche der Kritischen Theorie, auch wenn die Bahamas-Redaktion sie nicht als Fragen formuliert. Ich werde jedenfalls anwesend sein.

Edit 10.02.09: Beim Veröffentlichen im angetrunkenen Zustand ist mir der mittlerweile unpassende Arbeitstitel (Böse, Bank, böse!) durchgerutscht. Den konnte ich so nicht stehen lassen.